Ein historischer Überblick

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Izmir 1980, Kadir Can

 1) Wirtschaftlicher und politischer Wandel: Politikgeschichte und soziale Bewegungen in der Türkei

In welchen wirtschaftlichen und politischen Kontext sind soziale Bewegungen in der Türkei seit den 60ern bis in unsere heutige Zeit eingebettet? Um den Einfluss der„wirtschaftlichen Entwicklungs“-modelle auf die politische Herrschaftsstruktur herauszulesen zu können und um die Reflexion des sozio-politischen Machtformierungshergangs innerhalb der sozialen Bewegungen deutlich zu machen, ist es sinnvoll diesen historischen Prozess in fünf Phasen einzuteilen und zu untersuchen:

  1. 1960-1970er Jahre

Mit dem Putsch und der Machtübernahme vom 27. Mai 1960 hinterließ das Militär eine gegenüber den Regierungen Misstrauen hegende Verfassung. Dieser Riss im Herrschaftsblock erschuf bruchstückhafte Freiräume. Auf der ökonomischen Ebene hingegen migrierten Menschen aus den Dörfern in die Städte, und die Arbeiter*innenbevölkerung nahm stetig zu. Sie wünschte sich ein besseres Leben. In der zweite Hälfte der 1960er Jahre war der Einfluss der globalen 68er Welle sowie der Nationalen Unabhängigkeitsbewegungen auf die Jugend in der Türkei nicht zu übersehen. Am 15. und 16. Juni 1970 kam es zu Massenproteste von Arbeiter*innen. Zehntausende gingen in den Großstädten auf die Straße um sich gegen das Gesetz zu widersetzen, das ein Verbot der Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften (tr. DISK) beabsichtigte; insbesondere in Istanbul kam es zum Stillstand.

Trotz der enormen Repression gegen linke Bewegungen durch das Memorandum von 1971 trat die soziale Opposition gestärkter hervor. Der 1. Mai 1977 markiert die Verkörperung dieser sozialen Bewegungen. Doch eine Schießerei prägte die Massenkundgebung, bei der geschätzt 500 000 Menschen teilgenommen hatten. Der Schuss aus einem Hotelzimmer brachte Chaos auf die Straße, und die Kundgebung prägte sich als Massaker ins Gedächtnis ein. 34 Menschen verloren ihr Leben. Zu ähnlichen Angriffen kam es in den Jahren 1977 bis 1980, die Massaker an Alevit*innen in Maraş und Çorum wurden begleitet von Straßenkämpfen zwischen Faschist*innen und Revolutionär*innen in den Großstädten. Die feindliche Haltung der Regierungen der so genannten „Nationalen Front“ gegenüber der Linken war ein weiteres bestimmendes Element jener Periode.

Zu dieser Zeit hielt die Türkei an der Strategie der importsubstituierenden Industrialisierung fest. Mit Erlass vom 24. Januar 1980 wurde ein erster Schritt getan um dieser Periode ein Ende zu setzen.

  1. 1980er Militärputsch und die Post-Putsch Ära:

Nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 befanden sich Mitglieder sozialer Bewegungen entweder im Gefängnis oder sie flüchteten ins Ausland. Die Willkür und Rechtsverletzung der Militärjunta entflammte den Kampf für Menschenrechte. Das Militär überließ die Regierung den zivilpolitischen Parteien, verließ es die politische Bühne jedoch keineswegs, denn es wurde davon ausgegangen, dass die Zivilpolitik mit den vom Militär vorgegebenen politischen Maßstäben konform war. Vor dem Putsch waren Parteien verboten; die ANAP Partei (dt. Mutterlandspartei) sammelte mitte-rechts Wahlstimmen ein und konnte somit ihren Platz als stärkste Kraft im Parlament sichern. Gleichzeitig wurden zu diesem Zeitpunkt Menschenrechtsvereine gegründet, und soziale Bewegungen, deren Zentrum in erster Linie revolutionäre Vereine bildeten, wurden von nun an von Nichtregierungsorganisationen getragen. Wesentliche Punkte der Agenda von sozialen Bewegungen waren Themen wie die schlechte Bedingung in den Gefängnissen und Folter. Die vom Militär in Kraft gesetzte Verfassung begründete ein Willkürregime.

Schwachstellen der Opposition der 70er wurden nach 1980 auf einer politischen Ebene problematisiert und diskutiert. So entstand in der Türkei gegen Ende der 80er die einflussreiche feministische Bewegung als Teil der sozialen Bewegung. Zeitgleich gewannen anarchistische, anti-militaristische und LGBT*I* Bewegungen deutlich an Sichtbarkeit. Anfang der 90er kristallisierte sich der „Umweltschutz“ als eine neue Strömung innerhalb der sozialen Bewegungen heraus. Die Türkei kam Dank der Dorfbewohner*innen aus Bergama mit der Umweltbewegung in Berührung. Diese hatten sich gegen den Goldabbau mittels Zyanid gewehrt, und der Umweltschutz wurde fortan fester Bestandteil innerhalb der sozialen Bewegungen.

Mit den Beschlüssen vom 24. Januar 1980 fand die vor dem Putsch in Kraft gesetzte importsubstituierende Industrialisierung ein Ende und die Marktöffnung und Ausrichtung für Weltmärkte wurde gegen den Willen der Arbeiter*innenorganisationen eingeführt, über deren Auflösung per Beschluss entschieden wurde. Somit schlossen sich auch die Arbeiter*innen, die schwere Einbußen in ihrer Einflussnahme hinnehmen mussten, zu den verschiedenen Kämpfen der sozialen Bewegungen an um ihre Grundrechte wiederzuerlangen.

Demgegenüber erklärte die PKK mit mehreren Angriffen auf Polizeistationen im Jahr 1984 den Krieg gegen den türkischen Staat und gewann stetig mehr an Macht.

  1. 1990er:

Die 1990er markieren eine Zeit der Instabilität in der Türkei. Während zu jeder Phase der Republik bedeutende politische Figuren herausstachen, wurden sie in dieser Ära förmlich weggefegt. Denn nun waren die Fehlschläge im Krieg gegen die PKK ein Bestimmungsfaktor für Instabilität.

Mit Ausnahme von Kurdistan, das per Ausnahmegesetz regiert wurde, lockerten sich die nach dem Putsch angeordneten Bestimmungen allmählich. Die Türkei wurde zwar nach wie vor per Putschgesetze regiert, diese waren allerdings nicht mehr effektiv genug. In den Jahren 1993-1996 erlebte die Türkei das finsterste Kapitel ihrer Geschichte. Am 2. Juli 1993 wurden 33 Menschen, unter denen sich auch mehrere Künstler*innen, Dichter*innen und Schriftsteller*innen befanden, im Hotel Madımak (Sivas) durch einen Angriff von islamistischen Fundamentalist*innen verbrannt und getötet. Die im Jahr 1995 entbrannten Straßenkämpfe im Gazi Viertel (Istanbul) ausgelöst durch den Mord eines Dedes (Geistlicher im Alevitentum) sind ein prägendes Ereignis dieser Phase. Wir wurden Zeug*innen einer Ära, in der zahllose außergerichtliche Hinrichtungen und erzwungenes Verschwinden von politischen Gegner*innen erfolgten; in der eine Vielzahl von Menschen nach ihren Verhaftungen nie wieder zurückgekehrt sind. Auch wurden mehrere hunderttausende Kurd*innen aus ihren Dörfern vertrieben, weil diese ihre Solidarität mit der einflussreichen PKK zeigten; ihre Dörfer wurden niedergebrannt. Ein Autounfall bei Susurluk (Stadt im Westen der Türkei) führte die Dimension der finsteren politischen Atmosphäre deutlich vor Augen. Ein Polizeibeamter, ein Abgeordneter und ein Mafioso befanden sich im selben Auto. Eine vollständige Aufklärung dieser Verflechtung wurde gefordert, und die Aktion „Aydınlık için bir dakika karanlık” (dt. „Eine Minute Dunkelheit für dauerhaftes Licht“) wurde gestartet. Die Ermittlungen wurden jedoch nicht tiefgründig geführt.

Wirtschaftlich gesehen bestimmte die Inflation den Alltag der 1990er. Bei Wahlkämpfen wurden unter anderem „allen Familien zwei Schlüssel“ versprochen (Anmerk. d.Ü.: Tansu Çiller versprach dabei jeder Familie in der Türkei einen Haus- und einen Autoschlüssel), aber keines dieser Versprechen wurde je eingehalten. Das Misstrauen gegenüber der Politik war spürbar. Keine der mit rund 20 % Stimmen gewählten Partei, die die vom Militärregime festgelegte Zehn-Prozent-Hürde überwinden konnte, war entschlusskräftig genug. Die Refah Partei (dt. Wohlfahrtspartei) repräsentierte eine islamische Strömung und stieg zu einer Zeit des politischen Durcheinanders stetig auf.

Während sich die politische Stimmung im Westen der Türkei nach dem Putsch lockerte, sah sich Kurdistan für weitere 30 Jahre mit immensen Repressionen konfrontiert, und der Putsch war allgegenwärtig. Der Ausnahmezustand verschaffte Polizei und Armee Macht. Für lange Zeit war das Sprechen auf kurdisch oder das einfache Bezeichnen eines Menschen als Kurd*in verboten. Unter diesen Bedingungen hat sich die PKK formiert und kontinuierlich an Einfluss gewonnen. Die kulturelle Freiheit in Kurdistan war stark eingeschränkt. Ahmet Kaya, der zuvor im Fernsehen bekannt gegeben hatte, er wolle einen Videoclip auf Kurdisch drehen, wurde Opfer eines Lynch-Angriffs und entschied sich die Türkei zu verlassen. In dieser Atmosphäre der Unterdrückung entfaltete sich jeder Moment, der pro- kurdischer Natur war, zu einer Widerstandsaktion. Im Ausnahmezustand waren selbst Beerdigungen von Guerillakämpfer*innen Widerstandsaktionen. Zu einem weiteren Schauplatz der Selbstrepräsentation der Kurd*innen zählten die Newrozfeierlichkeiten (dt. Neujahrsfeier). Der brutalen Herrschaft zum Trotz entwickelte sich Newroz zu einem politisch-kulturellen Ereignis und war ein ästhetischer Ausdruck des Widerstands in Kurdistan.

Der „postmoderne Coup“ vom 28.02.1997 setzte dem Aufstieg der Refah Partei ein Ende. Dabei hatte das Militär den religiösen Reaktionismus als eine Bedrohung eingestuft. Mit dem Rückzug der Doğru Yol Partisi (dt. Partei des Rechten Weges) aus dem Parlament löste sich die Regierung löste auf. Die Refah Partei wurde verboten.

In den 1990ern war das Parlament zwei Mal in Folge Schauplatz des Verbots von Repräsentant*innen sozialer Bewegungen. Bei dem ersten Verbot handelte es sich um die Absetzung und Verhaftung von kurdischen Abgeordnet*innen, unter denen sich auch Leyla Zana befand, weil sie die Eidesformel auf Kurdisch abgelegt hatten. Ein weiteres Verbot richtete sich an die Kopftuch tragende Abgeordnete der Refah Partei Merve Kavakçı.

Die Phase der politischen Instabilität intensivierte sich mit der Krise von 2001, viele Menschen, die sich erneut auf die Suche nach einer politischen Alternative begaben, sahen sich mit der neu gegründeten gemäßigten Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP; dt. Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) konfrontiert, die eigener Behauptung nach ihre islamischen Gewänder fallen gelassen hatte.

  1. 2000er und AKP-Periode

Nach der Krise wurde Kemal Derviş das Amt des Wirtschaftsministers übertragen, er war tätig bei der Weltbankgruppe. Derviş implementierte ein radikales Programm. In der ersten Wahl, die nach seinem wirtschaftlichen Rezept gegen die Krise erfolgte, spiegelte sich die Antwort der Gesellschaft auf die Arithmetik des Parlaments wider: keine der sich zuvor im Parlament befindenden Parteien wurde wiedergewählt, und der politische Unterbau wurde vollständig ausgewechselt. Die erst neu gegründete AKP trat mit 35 % Stimmen eine Alleinregierung an. In späteren Wahlen gewann sie stetig an Stimmen. In ihrer ersten Regierungsphase listete die AKP die Integration der Türkei in die EU und die Demokratisierung an erster Stelle ihrer politischen Agenda. Wodurch jedoch das Misstrauen gegenüber der Partei seitens der Laizist*innen nicht abnahm. Im Jahre 2007 wurden Cumhuriyet-Meetings (dt. Republik-Meetings) abgehalten, wobei deren politische Linie recht bald verebbte.

Die PKK, die von 1999 bis 2005 einen einseitigen Waffenstillstand ausgerufen und den Abzug ihrer Kämpfer*innen aus der Türkei bekanntgegeben hatte, setzte diesem mit einem Angriff auf eine Polizeistation ein Ende und ließ seine Kämpfer*innen wieder in die Türkei einmarschieren. Der politische Konflikt gelangte erneut in die Schlagzeilen, bedrohte die AKP Regierung jedoch in keiner Weise.

Mit der Begründung sie bilde ein„Zentrum von Aktivitäten gegen den laizistischen Staat“ eröffnete das türkische Verfassungsgericht im Jahre 2008 ein Verfahren gegen die AKP, das wegen einer fehlenden Stimme eingestellt wurde.

Die AKP setzte 2010 mit dem Verfassungsreferendum u.a. Justizreformen um. Seitdem und bis 2013 wurden die Stimmen immer lauter, die das Erstarken des Autoritarismus kritisierten.

Zwei weitere wichtige Ereignisse prägten diese Ära: Der Mord an den Journalisten Hrant Dink am 19. Januar 2007 und die Unfähigkeit die Mörder ausfindig zu machen sowie die Bombardierung aus einem Militärflugzeug 33 unbewaffneter kurdischer Dorfbewohner*innen in Roboskî am 28. Dezember 2011. Dass das Ereignis von Roboskî sehr intensiv innerhalb der Social Media thematisiert und diskutiert wurde, aber in keiner einzigen Fernsehnachricht erwähnt wurde, brannte sich in das kollektive Gedächtnis ein: die Medien hatten nun offiziell ihr Potenzial, die Regierung unverfroren kritisieren zu können, gänzlich verloren.

  1. 2013: Gesellschaft und Regierung nach den Gezi Protesten

Zu den Gezi Protesten ist es in einem unerwarteten Moment gekommen. Aufgrund von verschiedenen Themen richteten sich lauterere Gegenstimmen gegen die AKP. Diese unterschiedlichen Bewegungen trafen aufeinander. Die beabsichtigte Bebauung des Gezi Parks, die Gewalt der Polizei, die sich gegen die Aktivist*innen richtete und ihre Protestzelte niederbrannte, sowie der weitere Verlauf der Ereignisse haben zu einem Massenprotest mitten in Istanbul, am Taksim Platz geführt. Dem Protest, der am 27. Mai 2013 mit knapp 300 Personen begann, schlossen sich mehrere Hunderttausende an. In der gesamten Türkei kam es zu Protesten, und am 1. Juni überließ die Polizei den gesamten Platz den Demonstrant*innen. Selbstorganisiert erschufen die Aktivist*innen einen öffentlichen Lebensraum. Die Polizei gelangte durch massiven Tränengaseinsatz am Abend des 15. Juni erneut in den Park und vertrieb die Aktivist*innen gewaltsam.

Die Gezi Bewegung hat Menschen aus unterschiedlichen sozialen Kontexten zusammengebracht. Anfangs unterstützten auch AKP Wähler*innen die Kundgebungen, doch als Ministerpräsident Erdoğan und seine Partei die Ereignisse als ein „Putschversuch“ darstellten, war es der Partei möglich die eigene Basis wieder zusammenzufügen. Der hierfür verwendete erfolgreiche Slogan „Yedirtmeyiz“(dt. „Wir lassen es nicht zu, dass er gefressen wird“) sollte hervorheben, dass sich die Proteste gegen Erdoğan richteten, um die Basis in seinem Sinne zu manipulieren.

Eine besondere Position unter den sozialen Bewegungen nahm die LGBT*I* Bewegung während der Gezi Proteste ein. Diese seit den 1990ern organisierte und in den 2000ern stetig einflussreicher werdende Bewegung hat mit ihrer Gegenwart während der Proteste ein hohes Maß an Sichtbarkeit in der Gesellschaft gewonnen. An der Istanbul Pride, die unmittelbar nach den Gezi Protesten stattfand, nahmen mehrere zehntausende Menschen teil. Fußballclubfans waren eine weitere bedeutende Gruppe während der Proteste. Fan-Gruppen der beiden Istanbuler Fußballvereine Fenerbahçe (FB) und Beşiktaş (BJK) waren schon in der Vergangenheit der Polizeigewalt ausgesetzt und schlossen sich während der Gezi Proteste den Fans von Galatasaray (GS) an. Bilder die FB, BJK und GS Fans gemeinsam abbildeten oder auch solche die Aktivist*innen der BDP (dt. Partei des Friedens und der Demokratie), der MHP (dt. Partei der Nationalistischen Bewegung) und des republikanischen Flügels gemeinsam zeigten, wurden zum Symbol für das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Zeit.

Die BDP, die an den Protesten teilnahm, wurde beschuldigt und kritisiert keine Massen mobilisiert zu haben. Der kurdischen Bewegung wurde antidemokratische Praxis vorgeworfen, und dies während die Friedensverhandlungen mit der AKP Regierung am Laufen waren. Doch als die türkische Regierung ihre Hilfestellung gegenüber den Kurd*innen unterließ, die in Kobanê an der Grenze zur Türkei gegen den IS kämpften, und viele Kurd*innen die Position vertraten, die Türkei würde sich auf die Seite des IS positionieren, gerieten die Friedensverhandlungen ins Stocken. Mit Solidaritätsprotesten für Kobanê schaffte es die kurdische Bewegung, das von der Türkei getrennte Kurdistan in die türkischen und internationalen Schlagzeilen zu bringen. Die angespannte Situation führte die Beziehung zwischen der kurdischen Bewegung und der AKP zwar zum Zerwürfnis, die Friedensverhandlungen laufen dennoch weiter.

Dass die Gezi Proteste in den Mainstream-Medien überhaupt nicht auftauchten, war für Kurd*innen kein Novum wohingegen diese Erfahrung für viele türkische Aktivist*innen fremd war.

Nach den Gezi Protesten zerbrach ferner das Bündnis zwischen der AKP und der Gülen Bewegung. Mehrere Telefonmitschnitte gelangten an die Presse, die die Korruptheit der Regierung sowie andere Vorwürfe illegalen Handelns bezeugen sollten, doch die Regierung wies die Vorwürfe zurück und stellte diesen Skandal als „Putschversuch“ der Gülen Bewegung dar. Die Kommunalwahlen vom März 2014 machten deutlich, dass die Regierung nach wie vor von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird.

Im Mai 2014 ereignete sich das Massaker von Soma, bei dem nach offiziellen Angaben 301 Bergwerksarbeiter*innen ums Leben kamen. Berichten von überlebenden Arbeiter*innen zufolge wurde die Kohle zu schnell abgebaut, und jedes Anzeichen von Gefahr wurde seitens der Unternehmer*innen zwecks Profit bewusst verdrängt.

Um den Wachstum der Türkei voranzutreiben wird die zu schnell gewonnene Kohle in Wärmekraftwerke transportiert. Neben den Wärmekraftwerken werden Hydroelektrische -und Nuklearkraftwerke, die allesamt die Umwelt zerstören, für die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei eingesetzt.

  1. Ästhetik der sozialen Bewegungen (Kunst und Aktivismus)

In den 1960ern bestimmten Student*innenproteste den Alltag, und diese Massenprotestbewegung auszublenden war nicht möglich. Dabei machten Schul- und Universitätsboykotts sowie Demonstrationen die Hauptwiderstandsformen aus. In kürzester Zeit wurden die Proteste militanter. Um nur zwei Beispiele hierfür zu nennen: die 6. US-amerikanische Flotte, die bei Dolmabahçe fest gemacht wurde, musste Istanbul nach heftigen Protesten wieder verlassen; das Auto des US-amerikanischen Botschafters wurde in Brand gesetzt. Die Härte der politischen Basis sowie die Angriffe auf die Demonstrant*innen trugen letztlich zur Militantisierung der Proteste bei. In den 70ern spitzte sich die Situation zu; auf Probleme, die auf Massenkundgebungen nicht zum Ausdruck kommen konnten, wurde durch illegale Aktionen aufmerksam gemacht. Die Zeit war geprägt durch Slogans, Wandschriften und Plakate, die Ausdrucksformen von Selbstrepräsentation waren. Ziel war es mithilfe von zum Kult werdenden Slogans wie z.B. „Nieder mit dem Faschismus“ oder dem Ausruf der politischen Organisation sichtbarer zu werden. Plakate ermöglichten jedoch kreativere, künstlerische Ausführungen. Sie wurden vor allem im universitärem Spektrum hergestellt. Das zu dieser Zeit gegründete Revolutionäre Plakatatelier der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara (ODTÜ) hat in diesem Zusammenhang ein bedeutendes visuelles Gedächtnis geschaffen.

Wichtige politische Figuren der sozialen Bewegungen befanden sich nach dem Putsch von 1980 entweder im Exil oder im Gefängnis. Hunger- und Todesstreiks waren Hauptformen des Widerstands der Gefangenen, um ihre Stimmen nach außen zu tragen und um die Verbesserung ihrer Haftbedingungen zu fordern. Um gegen die obligatorischen Gefängnisuniformen und um gegen Folter in Gefängnissen zu protestieren, traten Gefangene in Unterwäsche vor Gericht; eine der originellsten Methode des Protest dieser Zeit.

Die Zeitschrift Nokta (dt. Punkt) kann als Beispiel herangezogen werden um zu charakterisieren wie Karikatur für zum Zwecke des politischen Widerstands genutzt wurde. Auf einem Titelblatt aus dem Jahr 1986 wurde İhsan Doğramacı, damaliger Präsident des türkischen Hochschulrats (tr. YÖK), dargestellt wie er sich vor dem Eingang einer Universität entleert. Die Tradition der Karikaturzeitschriften politische Autoritäten in den ersten drei Seiten zu karikieren besteht weiterhin.

Anfang der 1990er schafften sich Arbeiter*innen in Zonguldak durch Massenstreiks Gehör. Dem schlossen sich im Laufe des Jahrzehnts Arbeiter*innen im öffentlichen Dienst, vor allem Lehrer*innen, an. Ende der 1980er tauchten ganz andere Protestformen in der Türkei auf. Mit ihrem Demonstrationszug gegen die Gewalt an Frauen ließen sich die protestierenden Feminist*innen von ihren Männern in einer Massenaktion scheiden und waren Pionier*innen was diese Form von Widerstand angeht. Eine andere Methode der Feminist*innen war es, Männern lilafarbene Nadeln zu verteilen.

Die Cumartesi Anneleri (dt. Samstagsmütter) wurden zum Symbol für Beharrlichkeit mit ihrer Forderung ihre verschwunden gelassenen Angehörigen wiederzufinden. Die Mahnwachen, die jeden Samstag zwischen 1995-1999 stattfanden, wurden wegen des zu harten Vorgehens der Polizei pausiert. Seit 2009 kommen die Aktivist*innen wieder zusammen mit dem Ziel Gerechtigkeit für ihre Angehörigen zu erlangen. Die Cumartesi Anneleri besetz(t)en regelmäßig mit ihrem Protest einen bestimmten Ort um ihrer politischen Forderung Nachdruck zu verleihen. Sie sind die Vorreiter*innen der Mahnwache als Widerstandsform. Die Adalet Arayan İşçi Aileleri (dt. Angehörigen von Arbeiter*innen, die Gerechtigkeit fordern) haben sich den Mahnwachen der Cumartesi Anneleri angeschlossen um gegen tödliche Arbeitsunfälle zu protestieren.

Die Arbeiter*innen von TEKEL (Dt. staatliche Betriebe im Bereich der Tabak- und Alkoholproduktion) lehnten das Angebot in verschiedene Beschäftigungsbereichen eingesetzt zu werden ab, weil sie sich darüber bewusst waren, dass dies eine immense Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingung bedeuten würde. 2009 wurden Protestzelte mitten Ankara aufgebaut, und sie besetzten öffentliche Räume. Nach einer doch längeren Zeit wurden die Zelte schließlich per gewaltsamen Polizeieinsatz abgerissen. Die Protestformen des Sit-ins und der Errichtung von Protestzelten wurden 2013 von den Gezi Aktivist*innen aufgegriffen.

Die bedeutendste künstlerische Form der Protestkultur ist die Musik. Für die alevitische Kultur, die seit Anbeginn der sunnitischen Hegemonie eine Zielscheibe für diese war und somit immer zur Opposition angehörte, ist die Musik eine bedeutende Komponente hierfür. Die Deyiş (dt. Erzählform) überliefern Lieder des Widerstands von den Dadaloğulları, den Köroğulları, und von Pir Sultan Abdal. Ruhi Su war ein außergewöhnlicher Sänger, der Zeit seines Lebens eine bedeutende Sammlung der türkischen Volksmusik arrangierte. Inspiriert von der chilenischen Musikgruppe Inti Ilimani und nach den 1980ern wurden klassische Volkslieder mehrstimmig gesungen und mit Slogans versehen. Die Band Grup Yorum und der Sänger Ahmet Kaya sind nur einige wichtige Beispiele für politisches Engagement von Künstler*innen wohingegen die Band Yeni Türkü in ihren Songs ihrem Widerstand auf eine eher freie und natürliche Art Raum gaben. In der Türkei lernten viele Menschen erst durch den Sänger Kazım Koyuncu und seiner ehemaligen Band Zuğaşi Berepe, dass die lasische Sprache kein Dialekt des Türkischen, sondern eine eigene Sprache ist. Die Gruppe Kardeş Türküler macht mit ihren musikalischen Performances auf die Diversität der Kulturen Anatoliens aufmerksam. Der Song „Bir Şey Yapmalı“ (dt. „Es muss etwas getan werden“) von der Rockband Moğollar wurde auf Kundgebungen gesungen, viele Musikgruppen und Sänger*innen nahmen auch an politischen Feierlichkeiten teil. Auch Album Cover wurden für politische Statements genutzt und liefern eine Vielzahl an visuellem Material. Die Band Bandista kann als ein Beispiel hierfür genannt werden.

Yılmaz Güney im Film, Sevgi Soysal und Firuzan in der Literatur sind nur einige Namen, die ohne politischen Aktivismus Vorbilder für die politisierende Kunst waren/sind. Die erwähnten Beispiele sollten nicht als Einzelproteste verstanden werden. Vielmehr geht es um die Sichtbarmachung der Stratifikation der sozialen Bewegungen.

Übersetzung aus dem Türkischen: Berivan Inci

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